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Maren Lübbke-Tidow

editor-in-chief of Camera Austria International (Graz / Berlin) No 113 (2011) to No 124 (2013)

editor of Camera Austria International (Graz) No 64 (1998) to No 103/4 (2008)

And all you touch and all you see, Kat. der Studierenden der Schule Friedl Kubelka für künstlerische Photographie, Wien. Hrsg. anlässlich der Vorlesungsreihe “Körper – Feministische Recherchen in der Kunst der Gegenwart”, Studienjahr 2016/2017.

Camera Austria International, Nr. 134 (Graz / Berlin), 2016 (als Gastredakteurin): “Underground vs. Establishment”. Mit Beiträgen von und über Annette Frick, Anette Kubitza, Isa Genzken, Beatrix Ruf, Ken Okiishi, Kirsty Bell, Stefanie Seibold, Gabriele Schor, Schule Friedl Kubelka für künstlerische Photographie Wien, 104 Seiten, dt. / enl.

Maren Lübbke-Tidow (Hg.), Friedl Kubelka: Atelier D’Expression (Dakar). Edition Camera Austria: Graz 2016. Mit Texten von Adama Diouf, Hubert Fichte, Georg Gröller, Friedl Kubelka, Maren Lübbke-Tidow. 56 S., dt.

Maren Lübbke-Tidow (Hg.), Erik van der Weijde, Gebilde. Edition Camera Austria: Graz 2014. With texts by: Pierre Dourthe, Frits Gierstberg, Maren Lübbke-Tidow, Dan Rule, Erik van der Weijde. 96 pages, 11,3 × 17 cm, (dt./engl./frz./ndl.)

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Linda Lebeck, Is all your life will ever be, 2017.
Fotogramm, s/w Fotopapier, 20 × 30 cm.

Cover Camera Austria International No 134 (Graz), 2016.

 

 

Underground vs. Establishment 
Radikalität im Denken und Handeln sowie das Durchkreuzen und Überwinden von bildnerischen Konventionen verbinden die vier hier vorgestellten KünstlerInnen. Die flirrenden visuellen Erscheinungen ihrer Bildwelten verweisen auf spezifische ästhetische Erfahrungen sowie ästhetisches Wissen. Alltagskulturelle Oberflächenästhetiken der Gegenwart sind ihnen genauso kritischer wie verführerischer Bezugspunkt wie die Reinheitsdiskurse oder kanonisierte Vorstellungen über Kunst. Sie arbeiten an Formen der Durchlässigkeit, verharren offensiv in Zonen des Übergangs und sensibilisieren mit ihren provokativ-überzogenen bis campen Gesten für andere, hybride Kontexte der Wahrnehmung.

Annette Frick kommt aus der Punkbewegung und konzentriert sich als Künstlerin mit feministischem Anliegen auf das Porträt. Es ist eine beharrliche fotografische Arbeit gegen das Establishment, mit der sie seit gut zwanzig Jahren eine Gruppe von Menschen in Berlin begleitet, die in Nischen jenseits heteronormativer Ordnungen lebt und mit Flamboyance, Dekadenz, Glam und karnevalesker Travestie trotz oder gerade wegen aller historischer und gegenwärtiger krisenhafter Momente, die quer zu ihren Selbstentwürfen liegen, zu einem eigenen Selbstverständnis aufbricht. Darüber spricht Anette Kubitza mit der Künstlerin.
Stefanie Seibolds neueste skulpturale und fotografische Arbeit ist in ihrem bildnerischen Ausdruck klar dem Postminimalismus zuzuordnen. Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass sie ein neues Formenvokabular vorschlägt, das ihrem Anliegen geschuldet ist, Queerness jenseits von Diskursen rund um den Körper zu denken. Radikaler: Sie spaltet ihn davon ab. Damit gelingt ihr ein völlig neuer Zugriff auf die politischen Agenden der Queer Theory. Gabriele Schor diskutiert mit Stefanie Seibold über diese Arbeit.

Ken Okiishi arbeitet mit der Hybridität digitaler Bildoberflächen, so wie sie unseren netzbasierten Alltag dominieren, und entwickelt eine Werkform, die nicht zwingend die Flüchtigkeit der elektronischen Informationsvermittlung kritisch reflektiert, sondern mit der zuallererst eine materielle bildnerische Qualität behauptet wird. Der Einstieg in seine Arbeit funktioniert zuerst über das Bild als gesetzte ästhetische Erscheinung. Mit einem Eintauchen in die tieferen Schichten seiner Screens vermittelt sich gleichermaßen eine Entzauberung kanonisierten Wissens. Ob seine manierierten Arbeiten auch als melancholische oder campe Gesten im Kunstbetrieb verstanden werden können, darüber spricht Kirsty Bell mit dem Künstler.

Ähnlich wie Ken Okiishi dockt Isa Genzken mit ihrer Arbeit unmittelbar an die Gegenwart und ihre alltagsästhetischen Erscheinungen an. Wie kaum ein anderes Werk war und ist ihre Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten wie ein gleichermaßen konstanter und (produktiv-)beunruhigender Unterton immer präsent. Mit ihren aktuellen Ausstellungen in Amsterdam und Berlin hat sich erneut ein Rezeptionswandel vollzogen, die Künstlerin wird gefeiert. Warum das so ist, was diese deutlich veränderte Rezeption über unsere Gegenwart aussagt beziehungsweise welche neuen Bezüge wir heute aufspannen, wenn wir das Werk von Genzken betrachten, darüber spricht Beatrix Ruf.

 

 

Annette Frick, from the series:Feuer und Wasser, 1992.

 

Annette Frick, Schlangengöttin (links oben), Fucking Angels in Heaven (links unten), Nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben (rechts oben), Annette Frick und Gaby Kurz vor 48 Porträts von Gerhard Richter, Ständige Slg. Museum Ludwig Köln 1990 (rechts unten).

 

Annette Frick, Napoleons Küchenwand, 2000; Napoleon Seyfarth, 2000; Bev Stroganov, Berlinale 1992; Tim und Freundin vor Café Posithiv, Berlin 1994.

 

Isa Genzken, from the series: Instruments, 1979.

 

Isa Genzken, from the series: New York, 1981.

 

Isa Genzken, spread from: Untitled (MACH DICH HÜBSCH!), ca. 2000. Artist book.

 

Stefanie Seibold, o.T. (Eckobjekt II), 2013. From the series: Eckobjekte, 2012–ongoing.

 

Stefanie Seibold, links: o.T. (Eckobjekt III), 2014. From the series: Eckobjekte, 2012–ongoing. Rechts: o.T. (Die Absinth-Trinkerin), 2013.

 

Stefanie Seibold, links: Elysium, 2016, Hell, 2016, Looking Back, 2016. Rechts: Centerfolds, 2015, Die Architektin (Lilly Reich), 2016.

 

Ken Okiishi, gesture / data (feedback), 2015.

 

Ken Okiishi, gesture / data, 2014.

 

Ken Okiishi, gesture / data, 2014.

 

 

 

»Friedl Kubelka : Atelier d’Expression (Dakar)« stellt das neueste Werk der Künstlerin vor. Die Reflexion über ihre eigene Rolle als Künstlerin, die mit der Entscheidung verbunden ist, das bisherige fotografische Werk zunehmend den Systemen des Kunstmarktes zu entziehen, fällt zusammen mit Kubelkas Beschäftigung mit Menschen, die künstlerisch tätig sind, jedoch abseits des herrschenden Establishments stehen. Diesen sog. »Outsidern« und ihrer Kunst ist die Ausstellung von Friedl Kubelka gewidmet. Wie schon Hubert Fichte besuchte sie die Klinik FANN, eine psychiatrische Einrichtung im Senegal, die in ihrem »Atelier d’Expression« Patienten künstlerisches Schaffen ermöglicht. Die Arbeit beinhaltet fotografische Porträts der Künstler-Patienten sowie einen Film über sie, ergänzt um Werke ihrer Akteure. Doch auch die eigenen Erfahrungen mit der Stadt Dakar erhalten in Sichtbarkeit.

Kubelkas umfangreiche Portärtarbeiten sind zuerst Zeitschnitte im Raum der Begegnung zwischen der Künstlerin und ihrem Gegenüber, sie erzählen von einem Spiel zwischen Nähe und Distanz, von Annäherung und Entfernung oder sogar Entzug. Vielleicht erzählen sie sogar mehr von der Performanz der Begegnung, als dass sie ein Bild abgeben. Gerade in den Filmen zeigt sich das manipulative Potenzial, von denen ihre Porträtsitzungen durchzogen sind. Die Künstlerin begegnet ihren Akteuren mit Witz, Hingabe, manchmal auch mit Kälte. Die Bilder, die entstehen, funktionieren als Befragungen über einen Status sowohl der abgebildeten Person und zugleich des Bildes, der permanent in Bewegung ist. An unausgesprochene Normen rühren und sie zu berühren ohne diese zu gewaltsam zu brechen – dies ist die ungemeine Stärke wie auch die Verletzbarkeit dieses Werkes, das nicht als dokumentarisch zu bezeichnen ist, sondern am Ereignis des Bildes arbeitet.
In den aktuellen Porträtarbeiten, die die Patienten der psychiatrischen Abteilung der Klinik FANN (Dakar) zeigen, war es der Künstlerin wichtig, die Integrität des Gegenübers zu wahren, und Momente der Entgleisung, die in ihrem Werk immer auch aufscheinen, auszuschließen – und ihr Gegenüber gerade (oder wieder einmal!) nicht den Erwartungen entsprechend zu zeigen. Wir sehen hier keine »Outsider«. Ihre Protagonisten sind ernst und un(an)greifbar. Sie geben durch ihren Ausdruck oder ihre Posen keinen Hinweis etwa auf eine (ihre) identitäre Störung. Zuweilen zeigen Utensilien wie ein Pinsel ihr Selbstverständnis als künstlerisch tätige Menschen an. Ansonsten sind wir – wie der Künstler Babacar Gaye (genannt Papis), dessen Gesicht durch das Gras, in dem er liegt, weitgehend verdeckt ist – allein gelassen im Gestrüpp unserer diffusen Vorstellungen von den Menschen, denen Friedl Kubelka im Senegal begegnet ist.

Zum anderen erzählt die Ausstellung von unterschiedlichen Erfahrungsebenen, die der Reise in ein Land geschuldet sind, das eine Fülle von Projektionen und Zuschreibungen provoziert. Als offensiv nicht souveräne Beherrscherin des durchquerten westafrikanischen Raumes arbeitet die Künstlerin mit den inneren und äußeren Widersprüchen, die sie durch das Land führen, und lässt sie in Fotografien von Architekturen und Stadtstrukturen, von ihren eigenen verführerischen Schönheiten und tatsächlichen Abgründen sichtbar werden. Entstanden ist eine Arbeit, die politisch gelesen werden will, in der sich aber konsequent die persönliche Erfahrungsebene der Künstlerin nach vorne schiebt. Das produziert Störmomente. Wenn wir »Afrika« hören, sind wir alarmiert – und haben Sorge vor Pauschalisierung, Beschönigung, Bemitleidung, Verherrlichung oder Verschonung. Wir verlangen Klarheit, Objektivität, Wissen, Information, Umsicht und Grundsatz. All das mag die Künstlerin interessieren oder wissen, aber: Für ihre Arbeit am Bild spielt diese Erwartung keine Rolle. Kubelka schiebt die gängigen, die existenten Projektionen gerade nicht beiseite, um einem zurechtgerückten Bild zuzuarbeiten – sondern zeigt sich mit ihren Bildern als schuldig/unschuldige, als wissend/nicht-wissende, offen-neugierige/angst-und schamvoll Reisende und Fremde.

Das begleitende Buch zur Ausstellung versammelt Texte der Künstlerin zu ihren Arbeiten, einen einführenden Text über das Projekt von Maren Lübbke-Tidow, über die »Citizens of the Virtual« des Senegal aus der Sicht des senegalesischen Philosophen Adama Diouf, über die sog. »Outsider Art« und ihre Produzenten von dem Wiener Psychoanalytiker Georg Gröller sowie einen Wiederabdruck aus Hubert Fichtes »Psyche« über den Künstler Papisto Boy, dessen Werken auch Friedl Kubelka im Senegal begegnet ist.

Mit Friedl Kubelkas: »Atelier d’Expression (Dakar)« zeigt sich eine Widerständigkeit, die sich sowohl auf der Ebene der Produktion von Kunst wie auch auf der Ebene der Produktion von Ausstellungen nicht mit einem »common sense« zufrieden gibt, sondern subversives Denken und Handeln in Anspruch nimmt und in neue Räume vorstößt.

 

 

 

(…) I visited the ice-skating lanes where Belgian psychopath Marc Dutroux used to go skating before he started to kidnap young girls. I visited the meadow on the top of a mountain where the opening scene of the 1965 musical film “The Sound of Music” was shot. I travelled to the house where Eva Braun had lived in Munich. I went to Hiroshima to photograph the last part of the modernist rebuilding project. And to Pomerode, the most German town in Brazil. And to more than ten cities around the world to photograph buildings by Brazilian modernist Oscar Niemeyer. And an to idyllic settlement in the Berlin forest that was built for SS officers in the 1930s. Or to the house near Vienna, where kidnap victim Natasha Kampusch was held hostage for over eight years. Or to the public housing projects for the factory workers of Toyota, in Toyota, Japan.

Many of these examples don’t seem to have much in common, but they are all (little) parts that together constitute our collective history and memory. Maybe some are merely details, like only remembering the ice cream I ate on a holiday, thirty years ago, or being reminded of a distant relative by a specific smell on the other side of the world. But these highly personal and subjective memories, or, better said, details of memories, are the building blocks with which each of us creates our own story within the context of this much bigger story and history. (…) (Erik van der Weijde)