Maren Lübbke-Tidow im Gespräch mit Susanne Brodhage anlässlich des Erscheinens von “Susanne Brodhage, Outwards” im DISTANZ Verlag 2026
19.4.2026

“Susanne Brodhage: Outwards”, Künstleringespräch und Buchpräsentation, SAMMLUNG HACKELSBERGER ______ guests
Vorlesung 2025/26, “Kuratorische Praxis”, Schule Friedl Kubelka für Künstlerische Photographie, Wien (teaching)
“Christa Mayer. Fotografie. Das Werk”, Buchpräsentation, Berlinische Galerie, 6.3.2026, Berlin
”Christa Mayer. Denken im Prozess. Bilder im Prozess”, in: Christa Mayer, Fotografie. Das Werk, herausgegeben von Carolin Förster, DISTANZ: BERLIN 2025 (essay, dt./en.)
“Cihan Çakmak: Leaving was the only option left”, Artist Talk, Haus am Kleistpark, Berlin, 11.2.2026
“Annette Kelm: Die Bücher”, Artist Talk, Towards Photography, Projektbüro des DFI e.V., Düsseldorf, 17.1.2026
“was zwischen uns steht. Fotografie als Medium der Chronik”, EMOP Berlin – European Month of Photography, Zentrale Festivalausstellung. Akademie der Künste (Hanseatenweg), Berlin, 28.2. – 4.52025 (Main Festival Exhibition)
was zwischen uns steht. Fotografie als Medium der Chronik, Digitales Booklet zur Zentralen Festivalausstellung des European Month of Photography – EMOP Berlin, hrsgg. von Kulturprojekte Berlin, Berlin 2025.



Spread from: Christa Mayer, Fotografie. Das Werk, DISTANZ: BERLIN 2025
Dass das Thema, auch von jenen Menschen ein würdiges und emphatisches Bild zu geben, die abseits der gesellschaftlichen Norm stehen, auch nachfolgende Generationen von Künstler*innen beschäftigt, ist gut. Denn die Tatsache, dass diese Menschen nach wie vor an den gesellschaftlichen Rand gedrängt sind, bleibt. Dabei kann so viel geschehen, wenn wir – wie Christa Mayer – bereit sind, zuzulassen: “(…) das Gesicht plötzlich weich, wie eine geöffnete Faust.”2
1 Aus einem Gespräch der Autorin mit Christa Mayer, Berlin, 20.5.2025.
2 Svealena Kutschke, Gespensterfische, Schöffling und Co Verlag: Frankfurt am Main 2025, S. 11.

Installation view of Annette Kelm: Die Bücher, © AR / Courtesy DFI e. V.
Christine Würmell, aus der Serie: Signature Style (Thälmann), seit 2004 (fortlaufend).
“Der Chronist, welcher die Ereignisse hererzählt, ohne große und kleine zu unterscheiden, trägt damit der Wahrheit Rechnung, daß nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist.”
(Walter Benjamin)
Würde Walter Benjamin diesen Satz aus seinen fragmentarisch gebliebenen Thesen Über den Begriff der Geschichte auch heute noch so aufschreiben? Eine ganze Generation von Chronisten dokumentiert in ihren Timelines und Newsfeeds unentwegt ihre Stories. Mehr denn je sind wir von Bildern und Texten umgeben, von Kommentarleisten, Filmschnipseln und von Fotografien im Zeitalter ihrer KI-gestützten Reproduzierbarkeit. Zeitgeschehnisse werden mit ihnen genauso dokumentiert wie persönliche Befindlichkeiten. Die „veränderungserschöpfte“ und von Krisen geschüttelte Gesellschaft (Steffen Mau) reagiert emotionalisiert und gespalten.
Es wächst das Bedürfnis, genau dem etwas entgegenzusetzen und – angesichts der Brüchigkeit von Demokratien, dem Erodieren ihres Fundaments, von Umweltzerstörung und wachsender Gewalt, von Ausgrenzung und gesellschaftlicher Desintegration – dem Zersetzenden der Gegenwart etwas Konstruktives entgegenzuhalten. Doch was kann mit Bildern, zumal mit fotografischen, tatsächlich noch gewusst, belegt oder gesagt werden angesichts eines gänzlich anderen Produktions- und Rezeptionsverhalten? Sind es nicht gerade die Bilder, die Gräben vertiefen, die zum Medium des „fake“ werden und polarisieren, kurz, die zwischen uns stehen?
was zwischen uns steht unternimmt den Versuch, den Kreislauf der permanenten Selbstvergewisserung zu unterbrechen und das fotografische Bild als Medium der Chronik wieder neu zu verhandeln. Sie hält an dem Anspruch fest, dass fotografische Bilder einen Berührungspunkt mit der Realität markieren – und mag er noch so schemenhaft sein – und also Wissen transportieren.
Projekte von rund 20 Künstler*innen verleihen dem Gegenüber mittels der eigenen Stimme Resonanz. Sie stehen für ein „Verstehen vom Anderen“ (Emmanuel Levinas) – nicht als alles übertönende Lautsprecher, sondern in der Reflexion darüber, wie jenseits von Schemata der Vereindeutigung differenziert und, ja, zart erzählt werden kann. Wenn „eine kleine Dokumentation aus verstreuten und schwer zugänglichen Quellen (…) schließlich Resultate erbringen (kann)“ (Carlo Ginzburg), können die Erfahrungen anderer verstehbar und vorstellbar sein, selbst wenn sie sich aus nichts als einem Haufen von Bruchstücken und ihren jeweiligen Kontexten zusammenfügen. So arbeitet die Ausstellung Realitäten heraus und bringt sie zum Sprechen. Sie erzählt, statt Gewissheiten auszustellen. Denn zu erzählen, auch in Bildern, ist „in der Form etwas anderes, als etwas zu fordern“, ist „etwas anderes, als etwas einzuklagen, etwas zu erzählen, ist fragiler, als etwas anzukündigen.“ (Carolin Emcke).
was zwischen uns steht thematisiert den Zusammenhang von sozialer Klassifikation und Bildungschancen. Sie transportiert Erfahrungen von Krieg, Flucht und Exil, von Arbeitsmigration und Ausgrenzungserfahrung, von der Situation der unmittelbaren Nachwendezeit oder der Radikalisierung von Teilen der Gesellschaft. Nicht zuletzt sind es Themen wie der Krieg Russlands gegen die Ukraine und der Krieg in Nahost, die in den Beiträgen nicht in Behauptungen, sondern in kritischer Distanz fragend und erzählend bearbeitet werden.
Dass der eigene Begriff von Geschichte eine entscheidende Rolle im Blick auf die Gegenwart spielt, wird in der Ausstellung in Bildern deutlich, in denen die Vergangenheit in der Gegenwart aufblitzt und Momente des Erkennens kreiert. Dann zeigt sich ihr wiederständiges Potenzial, das immer auch ein utopisches Potenzial ist. Vor diesem Hintergrund ist umso bereichernder, dass die ausgestellten Werke um Materialien aus den Archiven der Akademie der Künste ergänzt sind. Denn mit ihnen wird die erinnerungspolitische Spur greifbar, die dem Projekt als Grundsound unterlegt ist.
Installation von links nach rechts: Boris Mikhailov, Leon Kahane, Maya Schweizer
Installation Simon Lehner
Installation Helga Paris


Installation von links nach rechts: John Heartfield (Vitrine), Christine Würmell, Raisan Hameed, Walter Benjamin (Vitrine)
Installation Christine Würmell 
Installation Hanna Darabi und Benoit Grimbert (Vitrinen), Pınar Öğrenci
Installation Wenke Seemann
Installation Bérangère Fromont
Detail, Installation Bérangère Fromont
Installation Leon Kahane
Installation Yevgenia Belorusets
Installation von links nach rechts: Maya Schweizer, Beate Gütschow, Ilit Azouly mit Maisoun Karaman, Tobias Zielony
Installation Maya Schweizer
Installation Maya Schweizer
Detail, Installation Beate Gütschow
Installation Ilit Azoulay mit Maisoun Karaman
Installation Tobias Zielony 
