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Maren Lübbke-Tidow

”Christa Mayer. Denken im Prozess. Bilder im Prozess”, in: Christa Mayer, Fotografie. Das Werk, herausgegeben von Carolin Förster, DISTANZ: BERLIN 2025 (essay, dt./en.)

“Annette Kelm: Die Bücher”, Artist Talk, Towards Photography, Projektbüro des DFI e.V., Düsseldorf, 17.1.2026

“Cihan Çakmak: Leaving was the only option left”, Artist Talk, Haus am Kleistpark, Berlin, 11.2.2026

“was zwischen uns steht. Fotografie als Medium der Chronik”, EMOP Berlin – European Month of Photography, Zentrale Festivalausstellung. Akademie der Künste (Hanseatenweg), Berlin, 28.2. – 4.52025 (Main Festival Exhibition)

was zwischen uns steht. Fotografie als Medium der Chronik, Digitales Booklet zur Zentralen Festivalausstellung des European Month of Photography – EMOP Berlin, hrsgg. von Kulturprojekte Berlin, Berlin 2025.

Sommersemester 2025 / Wintersemester 2025/26, “Kuratorische Praxis”, Ostkreuzschule für Fotografie, Berlin (teaching)

Vorlesung 2024/25, “Kuratorische Praxis”, Schule Friedl Kubelka für Künstlerische Photographie, Wien (teaching)

Maren Lübbke-Tidow
Christa Mayer. Denken im Prozess. Bilder im Prozess
Christa Mayer, Fotografie. Das Werk, herausgegeben von Carolin Förster, DISTANZ: Berlin 2025.

 

 

Spread from: Christa Mayer, Fotografie. Das Werk, DISTANZ: BERLIN 2025

 

 

(…) Gegen das gängige Bild des (Langzeit-) Klinikinsassen im Kontext Psychiatrie zu arbeiten, die oftmals Bilder des Devianten oder auch des Unheimlichen sind, und sich von einer diagnostischen Bildauffassung bewusst zu verabschieden – dafür also steht das Werk von Christa Mayer. Im Kontext der Zeit, in dem es entstanden ist, nimmt es eine herausragende Rolle ein. Das gelingt nicht nur durch die konsequent emphatische – und unermüdliche – Arbeit mit ihrem Gegenüber, so wie sie hier herausgearbeitet wurde, sondern auch durch die Entscheidung, diese Bilder unterschiedlos in ihr Gesamtwerk einzureihen, das deutlich weiter reicht als ihre künstlertherapeutische Arbeit. Christa Mayer würde sogar soweit gehen, dass dieser Ansatz selbst auf ihre Landschaftsaufnahmen zutrifft: Genau wie sie ihre Patient*innen„beatmen musste, um ihre Lebendigkeit hervorzuholen“, möchte sie auch „die Natur beleben und sie physiognomisch sehen.“1  Dies ist ein Denken, dass von der Idee der Gleichwertigkeit allen Lebens und des Mit-Seins geleitet ist. Christa Mayer hat diese Idee verinnerlicht. Das macht ihr Werk so überaus aktuell und bedeutsam.

Dass das Thema, auch von jenen Menschen ein würdiges und emphatisches Bild zu geben, die abseits der gesellschaftlichen Norm stehen, auch nachfolgende Generationen von Künstler*innen beschäftigt, ist gut. Denn die Tatsache, dass diese Menschen nach wie vor an den gesellschaftlichen Rand gedrängt sind, bleibt. Dabei kann so viel geschehen, wenn wir – wie Christa Mayer – bereit sind, zuzulassen: “(…) das Gesicht plötzlich weich, wie eine geöffnete Faust.”2

 

1 Aus einem Gespräch der Autorin mit Christa Mayer, Berlin, 20.5.2025.

2 Svealena Kutschke, Gespensterfische,  Schöffling und Co Verlag: Frankfurt am Main 2025, S. 11.

 

 

Artist Talk
Maren Lübbke-Tidow im Gespräch mit Annette Kelm, im Rahmen der Ausstellung “Annette Kelm: Die Bücher” 
Towards Photography, Projektbüro des DFI e.V., Düsseldorf
17.1.2026

 

Installation view of Annette Kelm: Die Bücher, © AR / Courtesy DFI e. V.

 

Artist Talk
Maren Lübbke-Tidow im Gespräch mit Cihan Çakmak, im Rahmen der Ausstellung “Leaving was the only option left” 
Haus am Kleistpark, Berlin
11.2.2026

 

Cihan Çakmak, not me not you, 2024
was zwischen uns steht
Fotografie als Medium der Chronik
EMOP Berlin – European Month of Photography
Zentrale Festivalausstellung,  Akademie der Künste, Berlin
28.2. – 4.5.2025
Kuratiert von Maren Lübbke-Tidow 
Mit Ilit Azoulay mit Maisoun Karaman, Yevgenia Belorusets, Cana Bilir-Meier, Hannah Darabi & Benoit Grimbert, Fungi (aka Phuong Tran Minh), Bérangère Fromont, Beate Gütschow, Raisan Hameed, John Heartfield, Leon Kahane, Susanne Keichel, Simon Lehner, Boris Mikhailov, Pınar Öğrenci, Helga Paris, Einar Schleef, Maya Schweizer, Wenke Seemann, Christine Würmell, Tobias Zielony und einem Text von Walter Benjamin
Christine Würmell, aus der Serie: Signature Style (Thälmann), seit 2004 (fortlaufend).

 

“Der Chronist, welcher die Ereignisse hererzählt, ohne große und kleine zu unterscheiden, trägt damit der Wahrheit Rechnung, daß nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist.”

(Walter Benjamin)

 

Würde Walter Benjamin diesen Satz aus seinen fragmentarisch gebliebenen Thesen Über den Begriff der Geschichte auch heute noch so aufschreiben? Eine ganze Generation von Chronisten dokumentiert in ihren Timelines und Newsfeeds unentwegt ihre Stories. Mehr denn je sind wir von Bildern und Texten umgeben, von Kommentarleisten, Filmschnipseln und von Fotografien im Zeitalter ihrer KI-gestützten Reproduzierbarkeit. Zeitgeschehnisse werden mit ihnen genauso dokumentiert wie persönliche Befindlichkeiten. Die „veränderungserschöpfte“ und von Krisen geschüttelte Gesellschaft (Steffen Mau) reagiert emotionalisiert und gespalten.

Es wächst das Bedürfnis, genau dem etwas entgegenzusetzen und – angesichts der Brüchigkeit von Demokratien, dem Erodieren ihres Fundaments, von Umweltzerstörung und wachsender Gewalt, von Ausgrenzung und gesellschaftlicher Desintegration – dem Zersetzenden der Gegenwart etwas Konstruktives entgegenzuhalten. Doch was kann mit Bildern, zumal mit fotografischen, tatsächlich noch gewusst, belegt oder gesagt werden angesichts eines gänzlich anderen Produktions- und Rezeptionsverhalten? Sind es nicht gerade die Bilder, die Gräben vertiefen, die zum Medium des „fake“ werden und polarisieren, kurz, die zwischen uns stehen?

was zwischen uns steht unternimmt den Versuch, den Kreislauf der permanenten Selbstvergewisserung zu unterbrechen und das fotografische Bild als Medium der Chronik wieder neu zu verhandeln. Sie hält an dem Anspruch fest, dass fotografische Bilder einen Berührungspunkt mit der Realität markieren – und mag er noch so schemenhaft sein – und also Wissen transportieren.

Projekte von rund 20 Künstler*innen verleihen dem Gegenüber mittels der eigenen Stimme Resonanz. Sie stehen für ein „Verstehen vom Anderen“ (Emmanuel Levinas) – nicht als alles übertönende Lautsprecher, sondern in der Reflexion darüber, wie jenseits von Schemata der Vereindeutigung differenziert und, ja, zart erzählt werden kann. Wenn „eine kleine Dokumentation aus verstreuten und schwer zugänglichen Quellen (…) schließlich Resultate erbringen (kann)“ (Carlo Ginzburg), können die Erfahrungen anderer verstehbar und vorstellbar sein, selbst wenn sie sich aus nichts als einem Haufen von Bruchstücken und ihren jeweiligen Kontexten zusammenfügen. So arbeitet die Ausstellung Realitäten heraus und bringt sie zum Sprechen. Sie erzählt, statt Gewissheiten auszustellen. Denn zu erzählen, auch in Bildern, ist „in der Form etwas anderes, als etwas zu fordern“, ist „etwas anderes, als etwas einzuklagen, etwas zu erzählen, ist fragiler, als etwas anzukündigen.“ (Carolin Emcke).

was zwischen uns steht thematisiert den Zusammenhang von sozialer Klassifikation und Bildungschancen. Sie transportiert Erfahrungen von Krieg, Flucht und Exil, von Arbeitsmigration und Ausgrenzungserfahrung, von der Situation der unmittelbaren Nachwendezeit oder der Radikalisierung von Teilen der Gesellschaft. Nicht zuletzt sind es Themen wie der Krieg Russlands gegen die Ukraine und der Krieg in Nahost, die in den Beiträgen nicht in Behauptungen, sondern in kritischer Distanz fragend und erzählend bearbeitet werden.

Dass der eigene Begriff von Geschichte eine entscheidende Rolle im Blick auf die Gegenwart spielt, wird in der Ausstellung in Bildern deutlich, in denen die Vergangenheit in der Gegenwart aufblitzt und Momente des Erkennens kreiert. Dann zeigt sich ihr wiederständiges Potenzial, das immer auch ein utopisches Potenzial ist. Vor diesem Hintergrund ist umso bereichernder, dass die ausgestellten Werke um Materialien aus den Archiven der Akademie der Künste ergänzt sind. Denn mit ihnen wird die erinnerungspolitische Spur greifbar, die dem Projekt als Grundsound unterlegt ist.

 

 

Installation von links nach rechts: Boris Mikhailov, Leon Kahane, Maya Schweizer 
Installation Simon Lehner
Installation Helga Paris

 

Installation von links nach rechts: Susanne Keichel, Helga Paris, Simon Lehner, Cana Bilir-Meier, Einar Schleef (Vitrine)
Installation Raisan Hameed
Installation von links nach rechts: John Heartfield (Vitrine), Christine Würmell, Raisan Hameed, Walter Benjamin (Vitrine)

 

Installation Christine Würmell 
Detail, Installation Hannah Darabi und Benoit Grimbert
Installation Hanna Darabi und Benoit Grimbert (Vitrinen), Pınar Öğrenci

 

Installation Wenke Seemann
Installation Bérangère Fromont 
 

Detail, Installation Bérangère Fromont

 

Installation Leon Kahane 

 

Installation Yevgenia Belorusets

 

Installation von links nach rechts: Maya Schweizer, Beate Gütschow, Ilit Azouly mit Maisoun Karaman, Tobias Zielony

 

Installation Maya Schweizer
Installation Maya Schweizer 
 

Detail, Installation Beate Gütschow

 

Installation Ilit Azoulay mit Maisoun Karaman

 

Installation Tobias Zielony  
Detail, Installation Tobias Zielony
© für alle Installationsansichten: Kulturprojekte Berlin, Foto: dotgain.info
Digitales Booklet
was zwischen uns steht. Fotografie als Medium der Chronik
Zentrale Festivalausstellung des European Month of Photography – EMOP Berlin
Herausgegeben von Kulturprojekte Berlin
Konzept und Redaktion Maren Lübbke-Tidow und Linda M. Papke
Berlin 2025

 

 

Cover: Simon Lehner, Father, archive material 3D scan / rendering with incorporated archiveimages (early stage), 2005-2018. Aus der Serie: How far is a lightyear?, 2005-2019, C-Print, 90 x 72 cm,Courtesy: KOW Berlin, Copyright: Simon Lehner
Sommersemester 2025  / Wintersemester 2025/26
Kuratorische Praxis
Ostkreuzschule für Fotografie, Berlin

 

Installationsansicht was zwischen uns steht. Fotografie als Medium der Chronik, 2025. Zentrale Festivalausstellung des EMOP Berlin 2025 in der Akademie der Künste, Berlin (28.2.–4.52025). Bérangère Froment, Cʼest pas beau pour une fille, 2017, Video, Farbe, Ton, Dauer: 03:24 Min. Copyright: Kulturprojekte Berlin, Foto: dotgain

 

 

 

Vorlesung 2024/25
Kuratorische Praxis
Schule Friedl Kubelka für Künstlerische Photographie, Wien

 

Installationsansicht was zwischen uns steht. Fotografie als Medium der Chronik, 2025. Zentrale Festivalausstellung des EMOP Berlin 2025 in der Akademie der Künste, Berlin (28.2.–4.52025). Links: Maya Schweizer, Which Story Would You Prefer Not to Recall, seit 2009 fortlaufend, C-Print, je 42 x 59 cm. Rechts: Pinar Ögrenci, The Man Who Doesn’t Burn, 2024, Fototapete, 278,5 x 276 cm, digitale Collage mit Materialien aus dem digitalen Fotoarchiv des Ruhr Museum Essen, Copyright: Kulturprojekte Berlin, Foto: dotgain