was zwischen uns stehtFotografie als Medium der Chronik
EMOP Berlin – European Month of Photography
Zentrale Festivalausstellung, Akademie der Künste, Berlin28.2. – 4.5.2025Kuratiert von Maren Lübbke-Tidow Mit Ilit Azoulay mit Maisoun Karaman, Yevgenia Belorusets, Cana Bilir-Meier, Hannah Darabi & Benoit Grimbert, Fungi (aka Phuong Tran Minh), Bérangère Fromont, Beate Gütschow, Raisan Hameed, John Heartfield, Leon Kahane, Susanne Keichel, Simon Lehner, Boris Mikhailov, Pınar Öğrenci, Helga Paris, Einar Schleef, Maya Schweizer, Wenke Seemann, Christine Würmell, Tobias Zielony und einem Text von Walter Benjamin
Christine Würmell, aus der Serie: Signature Style (Thälmann), seit 2004 (fortlaufend).
“Der Chronist, welcher die Ereignisse hererzählt, ohne große und kleine zu unterscheiden, trägt damit der Wahrheit Rechnung, daß nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist.”
(Walter Benjamin)
Würde Walter Benjamin diesen Satz aus seinen fragmentarisch gebliebenen Thesen Über den Begriff der Geschichte auch heute noch so aufschreiben? Eine ganze Generation von Chronisten dokumentiert in ihren Timelines und Newsfeeds unentwegt ihre Stories. Mehr denn je sind wir von Bildern und Texten umgeben, von Kommentarleisten, Filmschnipseln und von Fotografien im Zeitalter ihrer KI-gestützten Reproduzierbarkeit. Zeitgeschehnisse werden mit ihnen genauso dokumentiert wie persönliche Befindlichkeiten. Die „veränderungserschöpfte“ und von Krisen geschüttelte Gesellschaft (Steffen Mau) reagiert emotionalisiert und gespalten.
Es wächst das Bedürfnis, genau dem etwas entgegenzusetzen und – angesichts der Brüchigkeit von Demokratien, dem Erodieren ihres Fundaments, von Umweltzerstörung und wachsender Gewalt, von Ausgrenzung und gesellschaftlicher Desintegration – dem Zersetzenden der Gegenwart etwas Konstruktives entgegenzuhalten. Doch was kann mit Bildern, zumal mit fotografischen, tatsächlich noch gewusst, belegt oder gesagt werden angesichts eines gänzlich anderen Produktions- und Rezeptionsverhalten? Sind es nicht gerade die Bilder, die Gräben vertiefen, die zum Medium des „fake“ werden und polarisieren, kurz, die zwischen uns stehen?
was zwischen uns steht unternimmt den Versuch, den Kreislauf der permanenten Selbstvergewisserung zu unterbrechen und das fotografische Bild als Medium der Chronik wieder neu zu verhandeln. Sie hält an dem Anspruch fest, dass fotografische Bilder einen Berührungspunkt mit der Realität markieren – und mag er noch so schemenhaft sein – und also Wissen transportieren.
Projekte von rund 20 Künstler*innen verleihen dem Gegenüber mittels der eigenen Stimme Resonanz. Sie stehen für ein „Verstehen vom Anderen“ (Emmanuel Levinas) – nicht als alles übertönende Lautsprecher, sondern in der Reflexion darüber, wie jenseits von Schemata der Vereindeutigung differenziert und, ja, zart erzählt werden kann. Wenn „eine kleine Dokumentation aus verstreuten und schwer zugänglichen Quellen (…) schließlich Resultate erbringen (kann)“ (Carlo Ginzburg), können die Erfahrungen anderer verstehbar und vorstellbar sein, selbst wenn sie sich aus nichts als einem Haufen von Bruchstücken und ihren jeweiligen Kontexten zusammenfügen. So arbeitet die Ausstellung Realitäten heraus und bringt sie zum Sprechen. Sie erzählt, statt Gewissheiten auszustellen. Denn zu erzählen, auch in Bildern, ist „in der Form etwas anderes, als etwas zu fordern“, ist „etwas anderes, als etwas einzuklagen, etwas zu erzählen, ist fragiler, als etwas anzukündigen.“ (Carolin Emcke).
was zwischen uns steht thematisiert den Zusammenhang von sozialer Klassifikation und Bildungschancen. Sie transportiert Erfahrungen von Krieg, Flucht und Exil, von Arbeitsmigration und Ausgrenzungserfahrung, von der Situation der unmittelbaren Nachwendezeit oder der Radikalisierung von Teilen der Gesellschaft. Nicht zuletzt sind es Themen wie der Krieg Russlands gegen die Ukraine und der Krieg in Nahost, die in den Beiträgen nicht in Behauptungen, sondern in kritischer Distanz fragend und erzählend bearbeitet werden.
Dass der eigene Begriff von Geschichte eine entscheidende Rolle im Blick auf die Gegenwart spielt, wird in der Ausstellung in Bildern deutlich, in denen die Vergangenheit in der Gegenwart aufblitzt und Momente des Erkennens kreiert. Dann zeigt sich ihr wiederständiges Potenzial, das immer auch ein utopisches Potenzial ist. Vor diesem Hintergrund ist umso bereichernder, dass die ausgestellten Werke um Materialien aus den Archiven der Akademie der Künste ergänzt sind. Denn mit ihnen wird die erinnerungspolitische Spur greifbar, die dem Projekt als Grundsound unterlegt ist.
Installation von links nach rechts: Boris Mikhailov, Leon Kahane, Maya Schweizer
Installation Simon Lehner
Installation Helga Paris
Installation von links nach rechts: Susanne Keichel, Helga Paris, Simon Lehner, Cana Bilir-Meier, Einar Schleef (Vitrine)
Installation Raisan Hameed
Installation von links nach rechts: John Heartfield (Vitrine), Christine Würmell, Raisan Hameed, Walter Benjamin (Vitrine)
Installation Christine Würmell
Detail, Installation Hannah Darabi und Benoit Grimbert
Installation Hanna Darabi und Benoit Grimbert (Vitrinen), Pınar Öğrenci
Installation Wenke Seemann
Installation Bérangère Fromont
Detail, Installation Bérangère Fromont
Installation Leon Kahane
Installation Yevgenia Belorusets
Installation von links nach rechts: Maya Schweizer, Beate Gütschow, Ilit Azouly mit Maisoun Karaman, Tobias Zielony
Installation Maya Schweizer
Installation Maya Schweizer
Detail, Installation Beate Gütschow
Installation Ilit Azoulay mit Maisoun Karaman
Installation Tobias Zielony
Detail, Installation Tobias Zielony© für alle Installationsansichten: Kulturprojekte Berlin, Foto: dotgain.infoBooklet zur Zentralen FestivalausstellungBooklet of the Main Festival Exhibition